Mit Leidenschaft fürs Abwasser

Text Swetlana Schölzel

Swetlana Schölzel ist Umweltingenieurin, Gründerin von Schölzel Consulting und Projektteilnehmerin bei DigiWaVe. In dem Projekt entwickelt sie gemeinsam mit Partner*innen innovative Lösungen für die direkte Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser, etwa für die Bewässerung von Grünflächen, und macht das Thema über moderne Kommunikation für die Öffentlichkeit verständlich und greifbar.

Meine Liebe zu Abwasser begann bereits vor 16 Jahren mit meinem Umweltingenieur-Studium. Umweltingenieurin zu sein bedeutet für mich weit mehr als nur Technik und Theorie. Für mich ist es ein bunter Mix aus Forschung, Kommunikation, Projektmanagement und Unternehmertum. Diese Vielseitigkeit hat meinen Weg geprägt – von der Uni über ein eigenes Unternehmen bis hin zum Projekt DigiWaVe, bei dem ich mich für nachhaltige Wasserwiederverwendung engagiere. 

Schön, dass ich zu diesem Thema meine ganz persönlichen Einblicke geben darf. Als ich darüber nachdachte, wie ein typischer Arbeitstag bei mir aussieht, musste ich zunächst lange überlegen. Denn ja, laut Abschlussurkunde habe ich einen Master in Umweltingenieurwissenschaften und darf mich offiziell Umweltingenieurin nennen. Aber eigentlich fühle ich mich nicht in erster Linie als solche – denn: Vor drei Jahren habe ich mich im Bereich der Kläranlagenoptimierung selbstständig gemacht. Seitdem hat sich meine Rolle stark erweitert.

Ich bin heute Marketing, Vertrieb, Personalentwicklung, Ingenieurin, Projektmanagerin, Kommunikatorin, Buchhalterin, Strategin und Geschäftsführerin in einem. Deshalb bekommt ihr keinen klassischen Einblick in den Alltag einer Umweltingenieurin, sondern in das Leben einer Person, die ihren Job liebt und lebt – und die darüber ihren Weg zu Digital GreenTech und zum Projekt „DigiWaVe“ gefunden hat.

Swetlana Schölzels „Liebe zu Abwasser“ begann bereits im Alter von 16 Jahren. 

Der Nachklärungsprozess im Klärwerk Mannheim: Bei der Nachklärung setzt sich der im Belebtschlamm enthaltene Feststoffanteil im Nachklärbecken ab. Der abgesetzte Schlamm wird teilweise zurück in den biologischen Reaktor geleitet, der Rest entsorgt. Das geklärte Wasser fließt anschließend weiter in die sogenannten Vorfluter.

Über das Projekt

Mehr über das Projekt DigiWaVe erfahren Sie hier.

Klärschlamm in allen Formen und Farben

Meine Begeisterung für das Thema Abwasser wurde im zweiten Bachelorsemester durch Prof. Dichtl an der TU Braunschweig geweckt. Seitdem lässt mich das Thema nicht mehr los – mittlerweile beschäftige ich mich seit mehr als 16 Jahren damit. Parallel zu meinem Bachelor- und Masterstudium habe ich immer in diesem Bereich gearbeitet oder Praktika gemacht. Eines meiner Highlights war ein Praktikum im Rahmen des Forschungsprojekts AKIZ – „Integriertes Abwasserkonzept für Industriezonen“ am Beispiel der Stadt Tra Noc in Vietnam“. Drei Monate lang durfte ich für die TU Braunschweig in einer Industriezone im schönen Mekongdelta industriellen Klärschlamm in allen möglichen Formen und Farben untersuchen. Dieses Erlebnis hat nicht nur mein technisches Wissen erweitert, sondern auch meine Leidenschaft für die Forschung entfacht.

2018 führte mich mein Weg als wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Institut für Siedlungswasserwirtschaft der RWTH Aachen. Dort arbeitete ich an der Untersuchung und Optimierung sogenannter vierter Reinigungsstufen auf Kläranlagen – also Verfahren zur gezielten Entfernung von Mikroschadstoffen (z. B. Medikamentenrückständen, Industrie- und Haushaltschemikalien). Das sind Stoffe, die im konventionellen Kläranlagenprozess nicht ausreichend entfernt werden. Nach 3,5 Jahren großtechnischer Forschung stellte ich fest, dass das Thema in der Praxis angekommen war und die Bedürfnisse der Kläranlagen nicht mehr mit den universitären Strukturen befriedigt werden konnten. Also wagte ich im Juli 2022 den Schritt in die Selbstständigkeit und spezialisierte mich auf die Betriebsoptimierung von vierten Reinigungsstufen. Seitdem wachsen wir organisch und sind mittlerweile sechs Leute im Team Schölzel Consulting. 

Dabei führte uns die vierte Reinigungsstufe relativ schnell zum Thema der Wasserwiederverwendung. Denn sobald eine neue Reinigungsstufe zur Mikroschadstoffelimination erfolgreich implementiert und optimiert ist, kommt aus der Praxis oft die berechtigte Frage: „Wenn das Wasser jetzt schon SO sauber ist, können wir es nicht direkt wiederverwenden?“ Tatsächlich sieht der aktuelle Stand der Technik noch vor, dass das gereinigte Abwasser in ein Gewässer eingeleitet wird, wo es dann abfließt. Die Wasserwiederverwendung verfolgt hingegen einen anderen Ansatz: Das weitergehend gereinigte Abwasser soll direkt genutzt werden, etwa um Grünflächen zu bewässern, für industrielle Prozesse oder in der Landwirtschaft.

Diese Fragestellung führte zur Projektidee von DigiWaVe, die wir von Schölzel Consulting gemeinsam mit den Stadtwerken Bad Oeynhausen, dem Kompetenzzentrum Wasser Berlin, Xylem und Masasana entwickelten. Ziel des Projekts ist es, die Wiederverwendung von Abwasser in der Stadt Bad Oeynhausen zur Bewässerung von Grünflächen in der Praxis umzusetzen. Neben der Behandlungsanlage an sich geht es technisch um die Entwicklung digitaler Werkzeuge. Dazu zählt zum Beispiel ein Prognosemodell, um die geforderte Wasserqualität dauerhaft einzuhalten, oder ein Routenmodell für bedarfsorientierte Bewässerung.

Auch die Kommunikation muss fließen

Doch mindestens genauso wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit. Denn die Vorbehalte gegenüber Wasserwiederverwendung sind groß: „Abwasser für Blumenbeete“ klingt erstmal wenig einladend. Was viele nicht wissen: Schon nach der konventionellen Reinigung ist das Wasser so weit gereinigt, dass es in die Gewässer eingeleitet werden kann. Und noch ein Fun Fact: In den Sommermonaten, also bei niedrigen Wasserständen, bestehen kleinere Fließgewässer zu einem großen Teil aus gereinigtem Abwasser – und nicht wenige von euch haben wahrscheinlich schon darin gebadet (ich tu es im Übrigen auch, weil ich Vertrauen in die Technik der Abwasserreinigung habe).

Wasser, welches zur direkten Nutzung wiederverwendet werden soll, hat nach der weitergehenden Reinigung – inklusive Mikroschadstoffelimination und Desinfektion – mit dem ursprünglichen Abwasser kaum noch etwas gemein. Genau das erklären wir in unserem Projekt anschaulich, verständlich und wissenschaftlich fundiert. Zu meinen Projektaufgaben gehören unter anderem Fachartikel, Vorträge, der Aufbau und Betrieb unseres Projekt-LinkedIn-Kanals sowie zahlreiche andere (branchenübergreifende) Kommunikationsformate. Denn: Es wird zwar viel und toll geforscht, aber viel zu wenig darüber gesprochen. Um dem entgegenzuwirken und weil wir wussten, wie wichtig Akzeptanz für unser Projekt ist, haben wir bewusst Mittel für die Kommunikation beantragt – und erfreulicherweise auch bewilligt bekommen. Die Erfahrung, das Feedback und die Reichweite der vergangenen zwei Jahre zeigen: Es lohnt sich!

Mein Weg zeigt euch vielleicht, wie vielfältig und interdisziplinär Umwelttechnik, jenseits klassischer Rollenbilder, heute gelebt werden kann. Ich arbeite nicht nur mit Daten, Messwerten und Verfahrenstechniken, sondern auch mit Menschen, Meinungen und Visionen. Das macht meinen Alltag nicht immer vorhersehbar – aber unglaublich spannend. Und genau das ist für mich moderne Umwelttechnik: ein Zusammenspiel aus technischem Know-how, gesellschaftlicher Verantwortung und dem Mut, etwas Neues zu wagen.  

Swetlana Schölzel bei der Arbeit im Klärwerk. (© alle: privat)